Das große Interview mit Ross Brawn, Teil 1

  • Das große Interview mit Ross Brawn Teil 1
    © F1Total.com/Haymarket 22. August 2001 - 17:41 Uhr

    Zum vierten Mal hat Michael Schumacher einen WM-Titel einfahren können, zum vierten Mal war es Ross Brawn, der als Technischer Direktor maßgeblich an diesem Erfolg beteiligt ist. Die Schwäche des Vorjahres, das Qualifying, hat man beeindruckend über den letzten Winter ausgemerzt und kann auf diesem Gebiet dominieren. Dennoch sieht Ross Brawn Raum für Verbesserungen. Der Rennspeed und schnelle Strecken waren in dieser Saison eine Schwäche von Ferrari. Dennoch war diese Schwäche nicht so groß, dass sie den Titel gekostet hat.
    Frage: "Das muss ein großartiger Tag für sie und das Team sein?"
    Brawn: "Es war ein fabelhafter Tag. Pole Position, den Start zu gewinnen, von der ersten bis zur letzten Runde zu führen - keiner kann den Titel mehr wegnehmen."


    Frage: "Hatte Michael die ganze Zeit über das Rennen unter Kontrolle?"
    Brawn: "Zur Rennmitte gab es ein wenig Zweifel, als ich ihm ständig den Abstand auf David durchgab, jede Runde. Man konnte sehen, dass wenn dieser unter einen bestimmten Level fiel, er sofort Tempo aufgenommen hat und somit zeigte, dass er es unter Kontrolle hat. Das kam noch damit zusammen, dass Davids Reifen ein wenig abbauten, ich denke also, dass es Michael die ganze Zeit unter Kontrolle hatte."


    Frage: "Habt ihr Rubens ein Tempo vorgegeben, das er fahren soll, um DC hinter sich zu halten?"
    Brawn: "Es gab ein Tempo, das wir haben wollten für seine Reifen, aber wir haben nichts schmutziges getan, wie man sehen konnte. Michael nahm Tempo auf und er wollte nicht, dass Rubens im Heck von ihm sitzt, was normal ist. Wir sagten Rubens, dass er Abstand auf Michael halten soll, weil wir nicht wollten, dass er ihm zu nahe kommt, weil Michael fahren sollte, ohne sich irgendwelche Sorgen um den Hintermann machen zu müssen. Als Michael die ersten 10-12 Runden hinter sich gebracht hatte und die Reifen sich eingefahren hatten, dann fuhr er ein paar wirklich großartige Runden."


    Frage: "Rubens hat beim ersten Stopp gegen DC verloren. Musstet ihr zu dem Moment stoppen, als er an die Box kam?"
    Brawn: "Ja, 31 Runden war so lange, wie wir fahren konnten und DC hatte eine Runde mehr. Die Reifen waren am Ende sehr schnell und er hatte eine großartige Runde an die Box, aus diesem Grund konnte er uns zu diesem Zeitpunkt packen. Rubens war dann beim zweiten Boxenstopp sehr, sehr gut und mit dem Problem mit dem Tankstutzen von David, das ihn eine oder zwei Sekunden kostete, funktionierte es. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn David das Problem nicht gehabt hätte, aber in der Formel 1 gibt es eine Menge Nenner, die sich auswirken."


    Frage: "Also hatte Rubens ein wenig Glück?"
    Brawn: "Ja, aber wir waren in der Lage, aufzuholen. Rubens hat großartig zu ihm aufgeholt. Er verlor zu einem Zeitpunkt drei oder vier Sekunden, aber kam wieder zurück und bedrängte ihn die ganze Zeit. Als dann das kleine Problem auftauchte, war Rubens vorbei. Das war es dann."


    Frage: "Jetzt wo die Titel gesichert sind, fühlen sie, wie der Druck von einem abfällt?"
    Brawn: "Nun, ein bestimmter Druck ist mit Sicherheit weg, weil wir natürlich den Konstrukteurs- und den Fahrertitel gewonnen haben, aber wir haben noch vier weitere Rennen, die wir gewinnen möchten. Es wird interessant sein zu sehen, wie alle angesichts der veränderten Umstände reagieren werden. Ich denke, dass dies auf uns einen positiven Effekt haben wird, aber man weiß nie, was einem selbst oder den anderen Teams passieren wird. Es gibt noch einen Kampf um den zweiten Platz in der Konstrukteursmeisterschaft und einen großen Kampf um den zweiten Platz in der Fahrermeisterschaft und wir sind entschlossen, zu versuchen, Rubens auf den zweiten Platz zu bekommen. Das wäre dann einfach ein perfektes Jahr."


    Frage: "Es muss ein seltsames Gefühl sein, nach den Showdowns der letzten Jahre? Sie wissen vielleicht nicht, was sie mit sich machen sollen?"
    Brawn: "Ja, ein wenig ist das so! Wir gehen in vier Rennen, ohne eine Meisterschaft momentan einfahren zu müssen, es ist also sehr seltsam. Es wird ein kurioses Gefühl sein. Das ist schon seit einer sehr langen Zeit nicht mehr vorgekommen und es wird interessant sein zu sehen, wie es sich anfühlen wird."

  • Das große Interview mit Ross Brawn Teil 2


    Frage: "Um wie viel mehr seid ihr in diesem Jahr besser gewesen oder ist es eine Kombination des Besser-werdens, dass sich McLaren selbst ins Bein geschossen hat und Williams vorne mitmischt?"
    Brawn: "Mit Sicherheit ist es alles. Ohne Zweifel haben wir in diesem Jahr einen besseren Job erledigt und wir haben ein besseres Auto. Wir waren so zuverlässig, wie wir das in den anderen Jahren waren. Ich kann das jetzt sagen, weil ich mir jetzt darum keine Sorgen mehr machen muss, aber ich denke, dass wir jetzt schon zum 30. Mal ohne Unterbrechung auf dem Podium stehen (32 Mal; d. Red.). Das ist ein unglaublicher Rekord, ein wahrer Tribut an Ferrari und die Leute, die dort arbeiten. Natürlich kann man immer besser werden, aber es war ein sehr guter Schritt nach vorne und ich sehe keinen Grund, warum das nächstjährige Auto, die nächstjährige Mannschaft, das nächstjährige Team nicht genauso stark sein sollte."


    Frage: "Es gab ein paar Probleme um Brasilien und Imola herum. Wurdet ihr zu diesem Zeitpunkt ein wenig nervös?"
    Brawn: "Nun, wir waren es, aber alles wurde nach den ersten zwei Rennen ein wenig zu übertrieben dargestellt. Das Auto war gut aber es verschwand nicht am Horizont, wie das alle angenommen hatten. In Brasilien bekamen wir das Setup nicht auf die Reihe und in Imola hatten wir es mit den Bremsen vermasselt. Dann lief alles ziemlich reibungslos. Das waren wirklich unsere zwei schlechtesten Rennen des Jahres."


    Frage: "Silverstone war auch ein Enttäuschung, oder?"
    Brawn: "Wir hatten da so unsere Probleme. Wir hatten uns zu sehr darauf konzentriert, David zu schlagen und haben dabei vielleicht nicht darüber nachgedacht, was das beste für das Rennen im Ganzen wäre. Und als Ergebnis dessen haben wir uns bloßgestellt. Es war ein Fehler, den wir nicht noch einmal machen werden."


    Frage: "Ihr hattet Glück, dass die ganzen Dramen in Hockenheim und bei dem Monza-Test sich nur in einen Ausfall ausgewirkt haben…"
    Brawn: "Das stimmt! Wir hatten an einem Tag bei Michael im Rennen zwei Zuverlässigkeitsprobleme, ich gehe also davon aus, dass wir sie jetzt im Griff haben. Es wird interessant sein zu sehen, wie sich die Dinge in den nächsten vier Rennen entwickeln werden, weil Rubens natürlich Michael schlagen muss, aber wenn wir ihm helfen können, dann werden wir das tun. Ich bin fasziniert zu sehen, wie sich das entwickelt."


    Frage: "Hat Michael in diesem Jahr seine beste Leistung gezeigt?"
    Brawn: "Wir hatten in diesem Jahr kein schlechtes Rennen von Michael gesehen. Er war außergewöhnlich gut. Das Qualifying hat sich mit Sicherheit verbessert. Wir hatten mehr Pole Positions denn je und er wird immer noch besser und besser. Er wird mit Sicherheit überhaupt nicht schlechter."


    Frage: "Ron Dennis hat gesagt, dass er froh ist, dass es in diesem Jahr keine Kontroversen gab. Teilen sie seine Ansicht?"
    Brawn: "Ich denke ja. Die Änderungen am Reglement in Barcelona haben eine Menge Dinge klargestellt. Und ich denke, dass man gesehen hat, dass es keine Änderung in der Hackordnung der Teams gibt, wer konkurrenzfähig war und wer nicht. Die Spekulationen, wer nach vorne und wer nach hinten rutscht, waren also kompletter Schwachsinn. Das war also sehr schön und es wurde mit einem viel besseren Geist gefahren als in den Jahren zuvor."


    Frage: "Jetzt, wo alles entschieden ist, können sie dann mehr Zeit in das nächstjährige Auto investieren?"
    Brawn: "Ich denke nicht, dass es da viele Kompromisse gibt. Wir haben die aerodynamische Arbeit an diesem Auto vor einem oder zwei Monaten gestoppt, weil wir uns auf das neue Auto konzentrieren wollten und außerdem alles, was wir für diese Saison tun wollte. Das Testen neuer Dinge für das neue Auto wird Priorität haben, was normal ist, aber wir werden nicht nachlassen. Wir haben ein neues Aerodynamik-Paket für Spa, ein neues Aerodynamik-Paket für Suzuka. Wir wollen mehr Rennen gewinnen und Rubens Zweiter in der Weltmeisterschaft bekommen, es gibt also noch eine Menge zu tun."


    Frage: "Wie bereiten sie sich auf das Wintertestverbot vor?"
    Brawn: "Aus diesem Grund sind wir jetzt bis zum Ende der Saison so beschäftigt, weil wir dafür eine Menge Arbeit zu erledigen haben. Es wird jetzt meistens bei den Tests mit zwei oder drei Autos gefahren, hauptsächlich wegen dem Verbot. Wir müssen eine Menge einbauen, bevor wir die Rollläden runterlassen."


    Fabian Hust